Mehr als 10 Jahre vegan, eine Bilanz

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Die ursprüngliche Motivation für mich, mein Leben im Weiteren möglichst frei von tierischen Produkten zu halten, war überwiegend humanistisch motiviert. Der Umstand, dass Menschen so viel Tierisches konsumieren wie noch nie, hat dazu geführt, dass sich tierverarbeitende Industrien zur größten Umwelt- und Artenbedrohung auswuchsen (ein Umstand der nach wie vor gerne ausgeblendet wird). Das tun sie noch dazu völlig unnötigerweise, denn weder brauchen Menschen Fleisch, noch Fisch, noch Säuglingsmilch anderer Spezies, um zu überleben. Auch wenn es zu anderen Zeiten und / oder an anderen Orten anders (gewesen) sein mag, ist das kein Argument dafür, den Welterschöpfungstag jedes Jahr noch ein Stück weiter nach vorne zu verlegen nur um nicht vom Fleisch getöteter Tiere (und anderen ressourcenfressenden Dingen) lassen zu müssen, die es nicht braucht.

Verbreitung

In den ersten Jahren nach meiner Entscheidung tierische Produkte aus meinem Leben zu verbannen war “vegan” noch kein so großes Thema. Ich stieß oft auf Unkenntnis, Unverständnis oder Ablehnung. Das passiert heute eigentlich nur noch bei wenig gebildeten und hinterfragenden Menschen oder solchen, mit deren Charakterzügen ich mich generell nicht so gerne umgebe. Mein letzter “Antivgeganer”, der aus Prinzip ablehnte etwas zu probieren das vegan war, nur weil es vegan war, tendierte zur Boshaftigkeit gegenüber anderen Menschen. Dass die Beharrlichkeit mancher Menschen nicht von tierischen Produkten lassen zu wollen (was ja eine subjektive Abwertung anderer Formen von Leben bedingt) mit ihrem Selbstwertempfinden zusammenhängt, ist schon länger Bestandteil meiner Theorien.

Auch wenn mein Einfluss als Einzelner gering ist, mag ich doch nicht zu den kleinen Lichtern dieser Welt zählen, denen die Folgen ihres Verhaltens egal sind, und denen nicht mal ihre Kinder es wert sind, ihr Konsumverhalten lebensfreundlicher zu gestalten. Etwas, das ihre Lebensumgebung zerstört, kann einfach nicht gut für die Menschen sein. – Lecker? Ja sicher. Aber nur dem Süchtigen ist der nächste Schuss die destruktiven Folgen wert die ihn erwarten. Und sterben will der ja nicht wirklich.

Wo ein Wille ist findet sich ein Weg

Veganern wird von Festhaltern gerne vorgeworfen, sie hielten sich für die besseren Menschen. Erstens war kaum ein Veganer sein ganzes Leben lang vegan, und zweitens kann jeder Mensch zu jeder Zeit sein Leben umgestalten und seine Umweltbilanz verbessern. Dieses Potential steckt in fast allen. Kein Veganer wurde indessen vegan, um sich anschließend für was “Besseres” halten zu können. Klar halten wir diese Entscheidung für eine gute Idee, und es daher auch für besser so zu leben.

Wer zumindest mal das Interesse hat in Betracht zu ziehen mehr für Umwelt, Menschen und Tiere zu tun, findet heute ein umfassendes Informationsangebot und breite Unterstützung durch geteilte Erfahrungen. Natürlich kursieren auch viele Gegenhaltungsaussagen. Aus eigener Erfahrung kenne ich die ja auch noch recht gut, schließtlich wollte ich mich selbst lange genug vor dem Fleisch-“Verzicht” drücken.

Mittlerweile gibt es allerdings zu viele gesunde langjährig vegane Menschen und auch Kinder, die vegan aufwachsen, als dass negative Pauschalisierungen wie “vegan ist Mangelernährung” noch ernst genommen werden könnten. Besonders skurril finde ich solche Anmerkungen aus den Reihen von Menschen die nicht einen Gedanken an die gesundheitlichen Aspekte ihrer bisherigen Ernährung verlieren.

Man kann sich natürlich ungesund vegan ernähren, zum Beispiel zu fett, zu salzig, zu einseitig, zu viel oder auch zu wenig. Doch ist das kein Argument gegen vegane Ernährung, sondern eines für eine ausgewogene vegane Ernährung.

Tierwohllabel?

Wo mir momentan die Hutschnur hochgehen mag, sind die Bestrebungen, auf Packungen mit Teilen getöteter Tiere Label kleben zu können die bestätigben, dass es dem Tier gut ging, bevor man es umbrachte. Was Menschen allerdings heute als Tierwohl berücksichtigend durchgehen lassen, würde keiner auch nur eine Sekunde lang einem menschlichen Wesen zumuten, oder seinem Hund…

Gegen Eier aus Käfighaltung zu sein bedeutet keineswegs, dass man dabei Tierwohl im Sinn hat. Denn weder ist Bodenhaltung unbedingt angenehm für die Tiere, noch bedeutet sie, dass die Hühner ein höheres Alter erreichen als den Bruchteil ihrer natürlichen Lebensspanne, weil sie in kürzester Zeit ausgelaugt sind und einfach nicht mehr fähig, weiterhin die Höchstleistungen erbringen, die Menschen aus ihnen herauspressen.

Alleine dass es immer noch einer Diskussion bedarf, ob man männliche Küken lebendig zerschreddern darf sagt wohl genug über die allgemeine Lebensqualität jener Tiere aus die das Pech haben etwas hervorzubringen, das Menschen sich nehmen wollen. Auch männliche Kälber sind ja im Grunde nur ein “Abfallprodukt” bei der Kuhmilchgewinnung, denn ohne Baby gibt’s halt nunmal auch keine Muttermilch.

Was spricht gegen Sklaverei, wenn die Sklavenhalter ihre Sklaven gut behandeln?

Kann man nicht vergleichen? – Muss ich gar nicht, denn genau das haben Menschen früher schon getan, um den Sklavenhandel zu rechtfertigen. Sie haben betroffene Menschen abgewertet, und diese Abwertung bestand darin, sie mit Tieren gleichzusetzen. Sind ja “nur” Tiere, und daher dürfen wir mit ihnen tun was wir wollen. Wir entscheiden wem sie gehören, wir entscheiden, mit wem sie sich paaren – ach, selbst das dürfen betroffene Tiere ja nun auch nicht mehr. Da fährt ein Mensch mit seiner Hand rein. – Geht’s noch…?

Mag vielleicht sein, dass Tiere nicht dasselbe Verständnis von Würde haben wie Menschen. Aber ganz sicher haben sie ihre eigenen Bedürfnisse die ihrer eigenen biologischen Bestimmung folgen, nicht unserer.

Rächt sich nicht der, dem wir Schlimmes antun, rächt sich eben das, was wir ihm antun. Die Menschheit setzt ihre eigene Versorgung aufs Spiel, weil sie Nahrung über den Umweg durch Nutztiermägen verschwendet und andere Ressourcen in Abfall verwandelt, statt weiterhin Nutznießer eines unerschöpflichen Kreislaufs zu sein, wie er über Jahrmillionen auf der Erde funktionierte.

Andere Lebewesen werden von den meisten Menschen pauschal abgewertet und als minderwertig angesehen, weil sie (andere) Tiere sind. Das legitimiert einfach alles, was noch stärker werteverdrehte Menschen mithin auch anderen Menschen antun: sie missbrauchen, misshandeln oder gar töten. Bis an den Punkt, an dem die Abwertung mit all ihren Folgen nur andere Spezies – sofern sie nicht grade Haustiere sind – betrifft, wird sie weitgehend toleriert und gilt soweit sie Erwachsene praktizieren, als gesund (bei Kindern wird ja noch anerkannt, dass es gestört ist, wenn sie Tiere quälen – Schmusetiere jedenfalls).

Den so genannten Nutztieren kann es nicht mehr gut gehen. Die Heucheleien sind ausschließlich da, um es Menschen besser gehen zu lassen, die ja eigentlich schon wissen, dass sie falsch liegen. Doch wenn einem über ein Label besiegelt wird, dass mit dem Tierwohl ja alles in Ordnung ist, dürfen Verdrängungsprozess und Pervertierung weiter fortschreiten.

Bei dem was Menschen Tieren heute zumuten und abverlangen, ist eine gesunde, kooperative Beziehung zwischen Mensch und Tier nicht mehr möglich, denn die wäre von anständigen Menschen nicht auszuhalten. Also wird das Tier zunehmend versachlicht, und behandelt, als wäre es ein empfindungsfreier und bedürfnisloser Teil ansonsten weitgehend automatisierter Produktionsprozesse.

Mitgefühl und Gewissen sind keineswegs was für Schwächlinge, waren es nie, und ich wüsste nicht auch nicht, warum über sich selbst hinauszusehen eine Schwäche sein sollte. Die Fähigkeit sich in andere hineinversetzen zu können hat Menschen zu Menschen gemacht. Ignoranz bewirkt das Gegenteil. Wer heute hinsieht und auf sich wirken lässt, was er sieht, muss ganz schön was aushalten. Vielleicht ist das mit ein Grund, warum sich so viele nur zu gerne davor drücken und lieber auf Gütesiegeln ausruhen, die ausschließlich von und für Menschen gemacht sind, nicht für jene die aushalten müssen, was Menschen ihnen antun.